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Artikel vom 23.04.2009 in der NRZ
Lern- und Lehrschwäche
Jörg Sinell und Anja Gronau haben eine Elterninitiative gegründet.
Sie wollen für integrativen Unterricht ab Klasse 5 sorgen.
„Ein Kind mit Behinderung ist nichts Besonderes”, konstatiert Jörg Sinell lakonisch. Kaum treffender als mit diesem Satz hätte der Vater eines lernbehinderten Sohnes zum Ausdruck bringen können, was das Anliegen der vor drei Wochen gegründeten „Elterninitiative Gemeinsamer Unterricht in Monheim” ist: Die Gleichbehandlung behinderter Kinder und vor allem integrativen Unterricht ab der Sekundarstufe I.
Denn integrative Kindergärten und Grundschulen gibt es in der Stadt, 60 Plätze für betroffene Kinder sind hier insgesamt vorgesehen - aber was passiert nach den vier Grundschuljahren? „Alle umliegenden Städte bieten gemeinsamen Unterricht an weiterführenden Schulen an, wie zum Beispiel an der Bettina von Arnim-Schule in Langenfeld.”
Doch die Plätze für förderbedürftige Kinder an diesen Schulen ist begrenzt, betroffene Monheimer Familien haben hier das Nachsehen.
„Es kann nicht sein, dass wir aus Monheim wegziehen müssen, damit unsere Kinder den gemeinsamen Unterricht besuchen können”, sagt Anja Gronau, deren Tochter derzeit die Leo-Lionni-Schule in Baumberg besucht.
Das erklärte Ziel der mittlerweile 13 Familien starken Initiative lautet deshalb: Bis 2010 sollen Monheimer Kinder mit körperlichen oder geistigen Behinderungen die Möglichkeit eines gemeinsamen Unterrichts mit nichtbehinderten Kindern ab der fünften Klasse bekommen.
Eine wirkliche Integration behinderter Menschen in die Gesellschaft und den Arbeitsmarkt sei nur so möglich. Besonders aktuell wird die Forderung der Initiative vor dem Hintergrund, dass seit Ende März offiziell eine verbindliche UN-Konvention gilt, die behinderten Menschen Gleichbehandlung vor allem auch im Bildungssystem garantiert.
Eine Stadt, die den Anspruch erhebt, „Hauptstadt des Kindes” zu sein, müsse diese Konvention auch umsetzen, sagen Gronau und Sinell.
„Deshalb suchen wir Unterstützung an den Schulen, in der Politik und bei jedem, der sich für unser Anliegen interessiert.”
Bisher sei die Resonanz positiv, die Wichtigkeit der Sache müsse an den entscheidenden Schaltstellen ankommen.
Und in der Tat ist die Initiative von ihrem Beginn an um Öffentlichkeit bemüht - eine eigene Internetseite ist unter www.monheim-integrativ.de bereits eingerichtet und am morgigen Samstag soll es zwischen 9 und 14 Uhr einen Infostand am Rathaus geben.
Jörg Sinell und Anja Gronau jedenfalls sehen optimistisch in die Zukunft - bleibt zu hoffen, dass sich Monheim nicht als Stadt mit „Lehrschwäche” erweist.
Artikel vom 07.04.2009 www.rp-online.de
Eltern-Initiative zieht Kreise
VON STEFANIE MERGEHENN -
zuletzt aktualisiert: 07.04.2009
Monheim (RP) Zwölf Monheimer Familien gründeten vor einer Woche eine Initiative für den Gemeinsamen Unterricht behinderter und nicht-behinderter Kinder auch in der Sekundarstufe I.
Schützenhilfe erhalten sie von der NRW-Schulministerin.
"Eine Schule für alle" fordern Jörg Sinell (l.) und Oliver Emunds stellvertretend für zwölf Monheimer Familien, deren Kinder auch nach der vierten Klasse gemeinsam mit nicht Behinderten unterrichtet werden sollen.
Das "Timing" hätte nicht besser sein können: Fünf Tage, nachdem Bundeskanzlerin Angela Merkel das Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen ratifiziert hat, gründete sich die "Elterninitiative Gemeinsamer Unterricht (GU) in Monheim am Rhein".
Und zwei Tage später kündigte Schulministerin Barbara Sommer an, die Integration von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf auszubauen. Doch "Integration" ist den zwölf Monheimer Familien, die sich zur Gründungsversammlung eingefunden hatten, zu wenig: Sie wollen die "inklusive Beschulung" ihrer Kinder.
"Förderschulen grenzen aus"
"Förderschulen basieren auf dem Prinzip der Ausgrenzung", findet Initiator Jörg Sinell. Das UN-Motto sei hingegen "Inklusion", also "Einschluss". Dazugehörig fühlt sich sein lernbehinderter Sohn schon lange in der Alexander-von-Humboldt-Schule – der einzigen Monheimer Grundschule, die pro Jahrgang fünf behinderte Kinder aufnimmt.
Gleich 40 gehandicapte Kinder finden sich in den bislang drei Integrativen Kindertagesstätten, die in Monheim von der Evangelischen Kirche betrieben werden.
Aber was kommt nach der vierten Klasse? Diese Sorge treibt auch Oliver Emunds um. Denn anders als in den Nachbarstädten gibt es in Monheim derzeit (noch) keine Möglichkeit für behinderte Kinder, am Regel-Unterricht der Sekundarstufe I teilzunehmen. Seine Tochter Pia (Name geändert) besucht zwar erst die zweite Klasse der Humboldt-Schule, weiß aber schon, dass sie auch künftig zusammen mit ihren Freundinnen lernen möchte. Doch für Pia, die als Halbseitenspastikerin motorische Probleme hat, sieht das derzeitige Schulsystem lediglich die Körperbehindertenschule in Leichlingen vor. Wohnortnahe Kontakte, Treffen mit Freunden wären passé.
Uwe Trost kann den Frust der Monheimer Eltern nachvollziehen. "Man wird diesen Kindern nicht gerecht, indem man sie in Förderschulen abschiebt", betont Trost auf RP-Anfrage.
Deshalb will sich der städtische Bereichsleiter Schulen verstärkt für den Gemeinsamen Unterricht vor Ort einsetzen. Um so mehr, als im Herbst mit einer Effizienz-Analyse bestehender Förderschulen zu rechnen sei, die der Schulausschuss des Kreises Mettmann in Auftrag gegeben hat.
Die Monheimer Comeniusschule hat zwar vor einem Jahr nicht den erhofften Zuschlag für das zukunfts- und finanzträchtige LES-Kompetenzzentrum erhalten, doch die Schule mit den Förderschwerpunkten Lernen, Emotionale und Soziale Entwicklung hat weiterhin den Ehrgeiz, Kinder so gezielt zu fördern, dass sie im günstigsten Fall re-integriert werden können. Das geht aber nur, wenn angesichts sinkender Schülerzahlen Synergie-Effekte mit benachbarten Förderschulen genutzt werden – oder die Kinder in Regelklassen bleiben können bzw. aufgenommen werden.
"Mit Gleichmacherei wird keinem Kind geholfen", hält Hans-Dieter Clauser dagegen. Der Langenfelder CDU-Landtagsabgeordnete fürchtet, dass "die individuelle Förderung der Ideologie einer von SPD und Grünen propagierten Einheitsschule geopfert" werde.
"Warum sollen unsere Kinder erst separiert werden, um sich hinterher mühsam den Weg in die Mitte der Gesellschaft zurück zu erkämpfen?" kontern Monheimer Eltern, die nun Pädagogen, Politiker und Verwaltung sensibilisieren wollen.